Am 12. März 2026 auf einer Pressekonferenz – der ersten seit Kriegsbeginn am 28. Februar – äußerte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Satz, der es verdient hätte, in jeder Nachrichtensendung der Welt an erster Stelle zu stehen. Er sagte: „Wir werden das Reich erreichen. Wir werden die Rückkehr des Messias erleben, aber es wird nicht schon am nächsten Donnerstag geschehen.“ Er fügte dann hinzu
Margherita Furlan, 22. März 2026
Messianismus, Dritter Tempel, Mahdi und Kreuzzüge: Die theologische Dimension des Konflikts zwischen Iran-USA-Israel, das der Westen so tut, als sähe er es nicht
Am 12. März 2026 auf einer Pressekonferenz – der ersten seit Kriegsbeginn am 28. Februar – äußerte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Satz, der es verdient hätte, in jeder Nachrichtensendung der Welt an erster Stelle zu stehen. Er sagte: „Wir werden das Reich erreichen. Wir werden die Rückkehr des Messias erleben, aber es wird nicht schon am nächsten Donnerstag geschehen.“ Er fügte dann hinzu, dass die Verwirklichung dieses Ziels den Wiederaufbau des Tempels erfordern würde – was, für jeden, der mit der heiligen Topografie Jerusalems vertraut ist, die Zerstörung der Al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms bedeutet. Keine westliche Nachrichtensendung hat mit dieser Aussage eröffnet. Kein Mainstream-Kommentator hat die analysiert. Und doch liegt in diesen Worten der Schlüssel zum Verständnis des gesamten Konflikts: Ein Krieg, der als Sicherheitsoperation dargestellt wird, ist nach den Worten seiner Protagonisten ein messianischer Krieg. Dieser Artikel beabsichtigt, das zu tun, was der Mainstream-Journalismus systematisch ablehnt: die theologische, eschatologische und rituelle Dimension des aktuellen Konflikts zu analysieren und anhand von Daten, Aussagen und Primärquellen zu belegen, dass die drei Hauptakteure – Israel, die evangelikalen Vereinigten Staaten und der schiitische Iran – alle auf ihre Weise einen Heiligen Krieg führen.
Netanjahu und der Messianische Zionismus: Vom Philadelphia-Korridor zum Dritten Tempel
Die messianischen Äußerungen Netanjahus sind keine rhetorische Exzentrik. Sie sind ein dokumentiertes Muster, das bereits Jahre vor dem aktuellen Konflikt bestand und sich mit dem Krieg im Gazastreifen noch verstärkt hat.
Am 2. September 2024 erklärte Netanjahu öffentlich, dass „das Zeitalter des Messias kommen wird“, womit er die Fortsetzung des Krieges im Gazastreifen mit der Verwirklichung eines eschatologischen Versprechens verbindet. Bei dieser Gelegenheit bezeichnete er den Philadelphi-Korridor – den Landstreifen an der Grenze zwischen Gaza und Ägypten – als den „göttlichen Weg“, der Israel vor einer „existentiellen Bedrohung“ retten würde. Keine Metapher: Eine theologische Einordnung eines militärischen Ziels.
In einem Interview vom August 2025 im israelischen Fernsehen erklärte Netanjahu, er fühle sich der Vision eines „Großisrael“ – einem biblischen Konzept, das die Grenzen des Staates von Mesopotamien bis nach Ägypten erstrecken lässt – „sehr“ verbunden. Das ist keine Randposition: Im Oktober 2023 hatte er der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Karte des „Neuen Nahen Ostens“ mit erweiterten israelischen Grenzen gezeigt. Im Februar 2026 erklärte sogar der Führer der zentristischen Opposition, Yair Lapid, dass „die biblischen Grenzen Israels sehr klar sind“. Doch der Schlüsselpunkt ist ein anderer. Netanjahu hat wiederholt den Vers von Amalek – 1. Samuel 15,3, der die vollständige Vernichtung des Feindes, einschließlich Männer, Frauen und Kinder, gebietet – herangezogen, um militärische Operationen zu rechtfertigen. Im Oktober 2023 sagte er: „Ihr müsst euch daran erinnern, was Amalek euch getan hat, das sagt unsere Heilige Bibel.“ Im März 2026 verwendete er den gleichen Kontextbezug im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Iran. Raz Segal, ein israelisch-amerikanischer Historiker, der sich mit dem Holocaust und Völkermord befasst, hat diese Äußerungen als Beweis für eine genozidale Absicht bezeichnet. Die Aussage vom 12. März 2026 über den Messias und den Tempel bringt diese Rhetorik auf ihren Höhepunkt. Was Netanjahu androht, ist möglicherweise nicht der Einsatz von Atomwaffen, sondern etwas potenziell noch Destabilisierenderes: Die Zerstörung der Al-Aqsa-Moschee, um Platz für den Dritten Tempel zu schaffen.
Der Dritte Tempel: Konkrete Vorbereitungen, keine Fantasien!
Für den westlichen, säkularisierten Leser mag die Rede vom Dritten Tempel als Folklore erscheinen. Ist sie aber nicht. Die Vorbereitungen sind konkret, finanziert werden von der israelischen Regierung unterstützt und von unabhängigen Organisationen dokumentiert. Das 1987 in Jerusalem gegründete Temple Institute arbeitet offen am Wiederaufbau des Dritten Tempels an der Stelle, an der sich der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee befinden – der drittheiligste Ort des Islam. Das Institut hat bereits die heiligen Tempelschmuckstücke, die Priestergewänder und die liturgischen Geräte vorbereitet. Über 500 junge Männer aus dem Stamm Levi wurden zu Tempelpriestern (Kohanim) ausgebildet und sind bereit, die Opferriten durchzuführen.
Im September 2022 importierten das Temple Institute und die evangelikale Organisation Boneh Israel fünf rote Färsen aus Texas, die für 500.000 Dollar erworben worden waren. Das israelische Landwirtschaftsministerium umging die üblichen Vorschriften, um die Einfuhr zu genehmigen – die Vereinigten Staaten gehörten nämlich nicht zu den Ländern, aus denen lebende Tiere importiert werden durften. Der Generaldirektor des Ministeriums für Jerusalem und Kulturerbe, Netanel Isaac, gab in einer Rede bei der Begrüßungszeremonie für die Färsen bekannt, dass die Regierung die Erschließung des Areals auf dem Ölberg finanziert, wo Aktivisten des Berges des Tempels das Ritual durchführen wollen.
Die rote Färse (Parah Adumah) steht im Mittelpunkt des Rituals. Nach dem Buch Numeri (19,2) muss eine vollständig rote Färse, die makellos ist und noch nie ein Joch getragen hat, geopfert und verbrannt werden; ihre Asche, vermischt mit Quellwasser, ist notwendig, um den Tempelberg zu reinigen und den Juden den Aufstieg auf den Tempelberg zu ermöglichen. Ohne diese Reinigung verbietet die Halacha (jüdisches Religionsrecht) den Zugang zur heiligen Stätte.
Die fünf ursprünglichen Färsen wurden später vom Temple Institute für ungeeignet erklärt – eine hatte einen beschädigten Schwanz, eine andere wies Farbfehler auf. Im Jahr 2025 stellte das Temple Institute jedoch klar, dass das Zuchtprogramm fortgesetzt wird, wobei mindestens ein Dutzend Kandidatinnen in der Warteschlange stehen. Es hat auch eine Simulation des Verbrennungsrituals in den Bergen von Samaria durchgeführt, um sich „besser auf die Herstellung der Asche vorzubereiten“.
Die israelische NGO Ir Amim hat dokumentiert, dass ein Grundstück auf dem Ölberg – das ursprünglich palästinensischem Besitz gehörte – von einer unbekannten Firma erworben wurde, um dort das Opfer einer roten Färse mit direktem Blick auf den Tempelberg durchzuführen, wie es die Tradition vorschreibt. Die Jerusalem Development Authority baut derzeit einen Gehweg, der genau zu diesem Punkt führt.
Haaretz in einer Untersuchung vom August 2024 titelte: „Jetzt an der Macht: Die messianische, extreme Rechte Israels meint es todernst mit dem Wiederaufbau des Tempels.“ Der Artikel dokumentierte einen dreistufigen Plan: Erstens, das Recht auf jüdische Gebete auf dem Tempelberg zu erlangen; zweitens, eine Synagoge an diesem Ort zu errichten; drittens, die Al-Aqsa-Moschee abzureißen und den Dritten Tempel zu bauen.
Itamar Ben Gvir, Israels Minister für Nationale Sicherheit, hat wiederholt provokative Vorstöße auf den Tempelberg unternommen. Im Sommer 2024 stieg er am Tisha B’Av tanzend, singend und betend auf den Tempelberg – eine beispiellose Tat, die eine Eskalation der Verletzung des Status quo bedeutete. Ben Gvir erklärte: „Ich fordere keine Gleichberechtigung auf dem Tempelberg. Er gehört uns und nur uns.“ Bezalel Smotrich, Finanzminister, bedient sich derselben biblischen Rhetorik, um die Ausweitung der Grenzen Israels zu rechtfertigen.
Der christliche Zionismus: Die Theologie das die Bomber bewaffnet
Wenn der jüdisch-messianische Zionismus das Ziel vorgibt, liefert der evangelikale, christliche Zionismus den Treibstoff – politisch, finanziell und militärisch. Und er ist im Pentagon vertreten. Seit dem 28. Februar 2006 – dem Tag des Beginns der Operation Epic Fury – erhielt die Military Religious Freedom Foundation (MRFF), eine Organisation zur Überwachung der Rechte von Militärangehörigen, über 200 Beschwerden von amerikanischen Soldaten. Den Berichten zufolge, die aus über 40 Militäreinheiten in mindestens 30 Stützpunkten stammen, sollen Kommandeure ihren Truppen erklärt haben, dass der Krieg gegen den Iran Teil des göttlichen Plans und der biblischen Prophezeiung der „Endzeit“ sei. Ein Einheitskommandant soll zu seinen Soldaten gesagt haben: „Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Feuer im Iran zu entfachen, das Armageddon heraufzubeschwören und seine Rückkehr auf die Erde anzukündigen.
Der Gründer der MRFF, Mikey Weinstein, ein Veteran der Air Force, erklärte gegenüber dem Guardian, dass Hegseths Rhetorik in der muslimischen Welt den Eindruck erwecke, dass die Vereinigten Staaten einen eigenen Kreuzzug starteten.
Der Begriff ist nicht zufällig gewählt. Pete Hegseth, Kriegssminister der Vereinigten Staaten – der Mann, der die mächtigste Militärmaschine der Welt leitet –, trägt auf der Brust ein Jerusalemkreuz tätowiert, das Symbol des 1099 gegründeten Kreuzfahrerreichs von Jerusalem. Auf seinem Arm steht die Inschrift „Deus Vult!“ – „Gott will es!“ – der Schlachtruf des Ersten Kreuzzugs von 1096. Auf seinem Unterarm steht das arabische Wort „Kafir“ (Ungläubiger) geschrieben. Sein 2020 erschienenes Buch trägt den Titel „American Crusade“, und darin heißt es: „Unsere heutige Zeit ähnelt sehr dem 11. Jahrhundert. Wir wollen nicht kämpfen, aber ... Wir müssen.“
Im Jahr 2018, während einer von der israelischen Rechten organisierten Rede in Jerusalem (Arutz Sheva/Israel National News), erklärte Hegseth, dass der Wiederaufbau des biblischen Tempels ein „Wunder“ sei, das noch zu unseren Lebzeiten geschehen könnte. Er sagte, „ein Schritt in diesem Prozess“ sei die
Anerkennung der israelischen Souveränität über Judäa und Samaria. Er erklärte sich gegen die Zwei-Staaten-Lösung und für die ausschließliche israelische Souveränität über das Heilige Land.
Während der Anhörung zur Bestätigung im Senat fragte Senator Tom Cotton ihn, ob er sich als christlicher Zionist betrachte. Hegseth antwortete: „Ich bin Christ und unterstütze den Staat Israel und seine existenzielle Verteidigung nachdrücklich.“ In einem am 9. März 2026 ausgestrahlten Interview mit CBS stellte Hegseth den Krieg in ausdrücklich theologischen Begriffen dar: „Unsere Fähigkeiten sind besser. Unser Wille ist stärker. Unsere Truppen sind besser. Die Vorsehung unseres allmächtigen Gottes ist dort, um diese Truppen zu beschützen, und wir sind mit dieser Mission beschäftigt.“
Aber Hegseth ist nur die Spitze des Eisbergs. Die theologische Struktur, die diesen Konflikt unterstützt, ist der Dispensationalismus – eine protestantische Lehre, nach der die Menschheitsgeschichte in „Dispensationen“ geteilt ist, die sich gemäß Gottes Plan für die Welt entwickeln. Die Kirchen, die diese Theologie vertreten – überwiegend Evangelikale –, glauben, dass die gegenwärtige Dispensation bald zu Ende geht. Doch dieses Ende kann nur durch großes Leid eingeleitet werden – eine Zeit, die bekannt ist als „die Trübsal Jakobs“. Israel ist der Ort, an dem dieses Trübsal beginnen und im Zweiten Advent Jesu kulminieren wird.
Nach dem Krieg von 1967 konzentrierte sich diese Theologie auf ein spezifisches Szenario: Die Regierung des jüdischen Staates rekonstruiert den alten Tempel in Jerusalem und legt damit den Grundstein für das Ende der Zeit. Mit der Rückkehr Jesu erfüllt sich die historische Mission des jüdischen Volkes. Viele Juden würden zugrunde gehen; die Überlebenden würden zur Vorhut der Jesusgläubigen werden. Dieses Szenario, das einst von kleinen Gruppen innerhalb einiger protestantischer Konfessionen propagiert wurde, war in den 1990er Jahren bereits in der amerikanischen Populärkultur weit verbreitet, vor allem durch die „Left Behind”-Romanreihe von Tim LaHaye und Jerry Jenkins.
John Hagee, Fernsehprediger und Gründer von „Christians United for Israel“ (CUFI), eine Organisation mit angeblich über 10 Millionen Mitgliedern, ist der Hauptarchitekt der politischen Umsetzung dieser Theologie. In einer Predigt vom 1. März 2026 – drei Tage nach Kriegsbeginn – erklärte Hagee: „Wie prophezeit, sind wir genau im Zeitplan.“ Dann betete er, dass „der allmächtige Gott auf das Schlachtfeld herabsteige und die Feinde Zions und der Vereinigten Staaten vor unseren Augen vernichtet würden.
„Die Predigt mit dem Titel ‚End of Days: Operation Epic Fury‘ wurde in San Antonio in Anwesenheit von Senator John Cornyn gehalten, der als ‚einer der größten Freunde Israels‘ vorgestellt wurde. In seinem 2006 erschienenen Buch „Jerusalem Countdown“ hatte Hagee ein Szenario entworfen, in dem ein amerikanischer oder israelischer Angriff gegen den Iran ‚ein Inferno auslösen und den gesamten Nahen Osten in Brand setzen und die Welt ins Armageddon ziehen würde‘.
Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee – ein Baptistenpastor und langjähriger christlicher Zionist – leitete jahrelang eine „Tour des Heiligen Landes” in Israel. Er erkennt die Existenz des Westjordanlands als von Israel getrennte Einheit nicht an.
Die schiitische Eschatologie: Der Mahdi, der verborgene Imam und die Armee-auf-Wartend
Wenn die amerikanisch-israelische Seite dafür kämpft, die Wiederkunft des Messias/Christi durch den Wiederaufbau des Tempels und die Vernichtung der Feinde Zions zu beschleunigen, kämpft der Iran in einem symmetrischen und spiegelbildlichen eschatologischen Rahmen: jenem der Rückkehr des Zwölften Imams, des Mahdi.
Der Zwölferschia – die offizielle Religion der Islamischen Republik – vertritt die Auffassung, dass die legitime Führung der muslimischen Welt ausschließlich der Nachkommen des Propheten Mohammed über Ali und eine Linie von zwölf unfehlbaren Imamen zusteht. Der zwölfte, Muhammad ibn Hasan – bekannt als Muhammad al-Mahdi – soll im Jahr 874 n. Chr. in die „Verborgenheit“ (Ghayba) eingetreten sein. Er ist nicht gestorben: Er lebt, versteckt durch göttlichen Willen, und wird am Ende der Zeit zurückkehren, um universelle Gerechtigkeit zu errichten, die Tyrannei zu besiegen und die Welt nach islamischem Recht zu regieren.
Jahrhundertelang war dieser Glaube eher Quietismus: Der Mahdi würde zu der von Gott festgelegten Zeit kommen, und die Menschen konnten nur abwarten. Der Wandel vollzog sich 1979. Ayatollah Khomeini bezeichnete den Iran als „Vorhut des Mahdi“ und erklärte, die Nation habe die besondere Aufgabe, den Weg für dessen Rückkehr zu bereiten. Chomeini formulierte die Doktrin des Velayat-e Faqih – der Vormundschaft des Rechtsgelehrten –, wonach ein qualifizierter Rechtsgelehrter bis zur Rückkehr des Versteckten Imams, als dessen Stellvertreter regieren muss. Die Eschatologie war nun nicht mehr theologisch, sondern politisch.
Keine Institution verkörpert diese Fusion von Theologie und Statecraft mehr als die Pasdaran (IRGC – Korps der Islamischen Revolutionsgarden). Im Gegensatz zu einer herkömmlichen, nationalen Armee ist das IRGC verfassungsrechtlich als „ideologische Armee“ definiert, deren Aufgabe nicht nur darin besteht, die Grenzen zu verteidigen, sondern auch, die Revolution zu bewahren und zu exportieren. Laut Hojatoleslam Ali Saeedi, Vertreter des Obersten Führers beim IRGC (2012): „Der IRGC ist eines der Instrumente, um den Weg für das Erscheinen des Imams der Zeit im Bereich des regionalen und internationalen Erwachens zu ebnen.“ Ein Bericht des Middle East Institute aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Iran's Revolutionary Guard and the Rising Cult of Mahdism“ dokumentierte, wie die Zerstörung Israels innerhalb der Revolutionsgarden nicht nur als geopolitisches Ziel, sondern als religiöse Pflicht im Zusammenhang mit der eschatologischen Erwartung betrachtet wird. Der Bericht warnte davor, dass gläubige Mahdisten in Führungspositionen innerhalb des IRGC – des Korps der Islamischen Revolutionsgarden – aufsteigen könnten und damit die drei Säulen der iranischen Machtprojektion unter ihre Kontrolle brächten: regionale Milizen, ballistische Raketenstreitkräfte und das Atomprogramm.
Die Ernennung von Mojtaba Khamenei – dem Sohn von Ayatollah Ali Khamenei, der bei den Bombenangriffen vom 28. Februar ums Leben kam – zum neuen Obersten Führer, stellt laut einem MEMRI-Bericht vom 14. März 2026 den Triumph der messianisch-apokalyptischen Strömung innerhalb des iranischen Establishments dar. Mojtaba, der seit Jahren eng mit dem IRGC verbunden ist, wird von Persönlichkeiten wie Ayatollah Mahdi Mirbagheri – der lehrt, dass der Kampf gegen und die Besiegung der Ungläubigen eine Voraussetzung für die Rückkehr des Versteckten Imams sei – sowie von Politikern der Front für die Stabilität der Islamischen Revolution (Jebhe-ye Paydaari) unterstützt.
Ein Schlüsselelement: Mojtabas Anhänger verleihen ihm den Titel „Al-Khorasani“ – eine mythische Gestalt in der schiitischen Tradition, die aus der Region Khorasan (im Osten des Iran – dem Geburtsort sowohl von Mojtaba als auch seines Vaters) hervortreten wird, schwarze Fahnen trägt, die Feinde des Islam besiegen und die Flagge der Regierung an den Mahdi übergeben wird. Wenn Mojtaba Al-Khorasani ist, wird jede seiner Anweisungen Teil eines göttlichen Plans, der nicht in Frage gestellt werden darf – selbst, wenn dies zu einer totalen Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten führt. In der schiitischen Hadith-Literatur wird die Zeit vor der Rückkehr des Mahdi als von schwerer Ungerechtigkeit, gewaltsamen Umwälzungen und groß angelegten Blutvergießen geprägt beschrieben. Viele Überlieferungen berichten von einem Konflikt im Nahen Osten und einer dramatischen Auseinandersetzung vor der Herstellung der universellen Gerechtigkeit. Zu den prophezeiten Zeichen gehören: der Aufstieg eines tyrannischen und brutalen Führers in Damaskus (der Sufyani), die Invasion des Irak, ein gerechter Führer (der Yamani), der im Jemen zur Unterstützung des Mahdi auftritt. Die IRGC hat im Laufe der Jahre ihre internen Ausbildungsprogramme intensiviert, die sich auf mahdistische Themen konzentrieren. Die Instabilität wird als Auftakt gesehen. Der Konflikt als Reinigung. Der Widerstand, unter Druck, als Teilhabe an der heiligen Geschichte.
Die eschatologische Symmetrie: Drei Messianismen im Krieg
Was die gängige Analyse übersieht, ist die spiegelgleiche Struktur des Konflikts. Es handelt sich nicht um einen Krieg zwischen geopolitischer Rationalität und religiösem Fanatismus. Es handelt sich um drei konkurrierende Eschatologien, jede mit ihrem eigenen Messias, ihrem eigenen Tempel, ihrem eigenen Armageddon. Der jüdische, messianische Zionismus erwartet den Maschiach – den endgültigen König aus dem Geschlecht Davids –, der den Tempel wiederaufbauen, das Reich Gottes errichten und von Jerusalem aus regieren wird. Die Erlösungsbewegungen (das Temple Institute, die Anhänger von Ben Gvir, die Strömung um Smotrich) glauben, dass die Welt an den Rand eines großen Krieges gelangen muss, damit „der Messias herabkommt und die Welt rettet“. Darum unterstützen sie die Fortsetzung und Ausweitung des Konflikts. Der christliche Dispensationalismus erwartet die Wiederkunft Christi, der ein Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und eine Zeit der „großen Trübsal“ vorausgehen werden. In diesem Schema spielen die Juden eine entscheidende Rolle: Sie müssen nach Israel zurückkehren, den Tempel wieder aufbauen und sich dann, bei der Wiederkunft Christi, zum Christentum bekehren oder untergehen. Die zionistischen Christen sind keine Freunde der Juden im eigentlichen Sinne: Sie behandeln das jüdische Volk wie eine Schachfigur in einem kosmischen Drama, das in ihrer Erlösung mündet.
Der Zwölferschiismus wartet auf die Rückkehr des Zwölften Imams/Mahdi, der aus dem Verborgenen hervortreten wird, wenn die Welt von Ungerechtigkeit und Unterdrückung erfüllt ist, um universelle Gerechtigkeit zu errichten. Die Zerstörung Israels und die Niederlage der westlichen Mächte sind theologische Voraussetzungen für seine Rückkehr. In der schiitischen Tradition wird Jesus (Isa) zurückkehren und hinter dem Mahdi beten – sich seiner Führung unterwerfen –, und gemeinsam werden sie den Dajjal (den Antichristen) besiegen. Für viele Muslime ist die als jüdischer Messias erwartete Gestalt – die weltliche Macht mit sich bringt – in Wirklichkeit der Dajjal selbst.
Die drei Eschatologien laufen an einem einzigen geografischen Punkt zusammen: Jerusalem, die Moscheenplattform, der Tempelberg. Alle drei setzen einen apokalyptischen Konflikt als Voraussetzung für die Erfüllung der göttlichen Verheißung voraus. Alle drei sehen die Gegenwart als die Zeit der Erfüllung.
Der aktuelle Krieg ist kein Zufall im Kalender. Die Operation „Epic Fury“ wurde am 28. Februar 2026 gestartet – nur wenige Tage vor Purim (14. Adar, der am 5. und 6. März 2026 fiel!), dem jüdischen Fest, das die Rettung des jüdischen Volkes vor der geplanten Vernichtung im alten Persien feiert. Das alte Persien ist der moderne Iran. Die Parallelen sind niemandem entgangen.
Das abwesende Europa: Zuschauer eines heiligen Krieges, in dem es kein Mitspracherecht, hat.
Europa – der einzige Akteur, der die Frage auf säkulare und rationale Weise stellen könnte –, ist in der Debatte völlig abwesend. Nicht, weil es nicht betroffen wäre: Es ist betroffen von den Energiekosten (Diesel über 2 Euro pro Liter, Erdgas, dessen Preis sich innerhalb einer Woche verdoppelt hat!), von den wirtschaftlichen Folgen (eine sich abzeichnende Stagflationsrezession) und vor allem von den amerikanischen Militärstützpunkten auf seinem eigenen Territorium.
Italien beherbergt Aviano, Sigonella, Camp Darby, Vicenza und den Marinestützpunkt in Neapel. Von diesen Stützpunkten aus werden Operationen im Nahen Osten durchgeführt. Sollte sich der Konflikt ausweiten – und alle Anzeichen deuten darauf hin –, ist Italien kein Zuschauer. Es ist eine logistische Infrastruktur des Krieges. Ein Krieg, der nach den Worten seiner eigenen Protagonisten ein heiliger Krieg ist.
Aber Europa stellt die grundlegende Frage nicht: Ist es legitim, sich – auch nur indirekt – an einem Konflikt zu beteiligen, dessen erklärter Grund laut dem israelischen Ministerpräsidenten die Wiederkehr des Messias ist? Ist es akzeptabel, dass der Verteidigungsminister der verbündeten Supermacht den Krieg als von der „Vorsehung unseres allmächtigen Gottes“ unterstützt, beschreibt? Ist es tolerierbar, dass amerikanische Militärkommandanten ihren Soldaten sagen, ihr Präsident sei „von Jesus gesalbt worden, um das Armageddon herbeizuführen“? Wenn Marco Rubio, US-Außenminister, die iranischen Führer als „radikale, schiitische Geistliche“ bezeichnen kann, die geopolitischen Entscheidungen auf der Grundlage „reiner Theologie“ treffen, sollte jemand den intellektuellen Mut haben, denselben Maßstab auch auf die amerikanischen und israelischen Führer anzuwenden.
Epilog: Der Krieg der Götter
Wir stehen vor etwas, das sich mit den üblichen Begriffen der Geopolitik nicht erfassen lässt. Es ist kein Krieg um Öl – auch wenn Öl sein wirtschaftlicher Treibstoff ist. Es ist kein Krieg für die Nichtverbreitung – auch wenn die Atomkraft der Vorwand dafür ist. Es ist ein Krieg, in dem ein Ministerpräsident von Messias und Tempel spricht, ein Verteidigungsminister das Kreuz der Kreuzritter auf der Brust trägt und der neue oberste Führer des Iran von seinen Anhängern als prophetischer Vorläufer des Mahdi angesehen wird. Drei abrahamitische Traditionen. Drei bewaffnete Messianismen. Ein einziger Schnittpunkt: Jerusalem. Das Tragische daran ist, dass keines der beteiligten Völker – Israelis, Amerikaner, Iraner – diesen Krieg gewählt hat. Die Zivilbevölkerung in Teheran, Tel Aviv und den Städten am Golf kämpft nicht für den Armageddon. Sie versuchen zu überleben, an dem Leader, den sie glauben – oder vorgeben zu glauben –, ein göttliches Mandat zu haben. Der Journalismus hat die Pflicht, das zu benennen, was er sieht. Und was er sieht, belegt durch Primärquellen und öffentliche Erklärungen, ist ein heiliger Krieg, der mit modernen Waffen geführt, als Sicherheitsoperation dargestellt und von Steuerzahlern finanziert wird, die niemals für die Apokalypse gestimmt haben. Und das macht ihn gefährlicher als jeden anderen Krieg.
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